Pennsylvanische Staats zeitung. (Harrisburg, Pa.) 1843-1887, December 27, 1866, Image 1

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    Kmllsyltmmscht Mb MMS'Zntmia
Jahrgang 1.,
Die
PenusylvanischestaatS-Zritnng
Herausgegeben von
Jot. Georg ?lippcr,
Meint jeden Donnerstag, und kostet 2.1)1
per labr. ,abwar imicrbatb dcslalircs, und
SSV nach Berfluß des Jahrgangs.
Einzelne Eremplarc, 5 I?cnts per Stück.
Keine Subscriptivne werden für weniger
-al sechs Monate augenoiumen: aucb kau
Niemand das Btatt abbestelle, bis alle Rück
.stände bezahlt sind.
Anzeigen werden zu den gewöhnlichen Prei
lsen inserir.
Office: in der „Patriot und Union"
Druckerei, Dritten Siraste, Harrisbarg, und
4 der „InicUigcneer" Druckerei, am Ecntrc
Square, Lancaster.
M'sie.
Nachtsirdailken.
(Bon Heinrich Heine.)
Denk ich an Deutschland in der Nackt,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Ich kann nicht mebr die Augen scklicstcn,
Und meine heißen Thränen fließen.
Di Jahre kommen und vergeh !
Seit ich die Mutler nicht geseh n.
Zwölf Jahre sind schon hingegangen :
E wächst mein Sehnen und Verlange.
Mein Sehne und Verlangen wächst.
Dir alte Frau bat mich hebert.
Ich denke immer an die alle.
Die alte Frau, die Gott erhalte!
Die alte grau hat mich so lieb,
Mnd in den Briefen, die sie schrieb,
Seh' ich wie ikre Hand gezittert,
Wie tief das Mutlerherz erschüttert.
"Die Mutter liegt mir stets im Siun.
Zwölf lange labre flösse hin.
Zwölf lange Jahre sind verflossen.
Seit ich sie nicht an'S Herz geschlossen.
Deutschland hat ewige Bestaub,
Etz ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eiche, seinen Linden,
Nach Deutschland lechzt' ich nicht so sehr
Wenn nicht die Mutter dorten wär';
DaS Baterland wird ie verderben,
Jedoch die alte grau kann sterben.
Seit ich da Land verlasse hab',
So tele sanken dort in'S Grab,
Die ich geliebt - wen ich sie zähle,
So will verblute icine Seele.
Der Dorfcaplan.
Erzählung aus Lberbaicr ach einer wahren
Begebenheit.
(Schluß.)
„Erlauben Sie, daß ich von mir selbst
beginne", fuhr das Fräulein fort, „eS
>lst unerläßlich, damit Sic fassen,
was Sie z boren haben.... Vor
Allem glauben Sie nicht, dass ich
dieselbe bin, wie ich Ihnen früher '
gegenüber gestanden ; wie mein Körper,
hat auch meine Seele gealtert. . . ich !
bin eine Andere geworden, ich habe den >
Schein und der Heuchelei entsagt, ich >
hsbe mit dem Haß gebrochen, um der >
Liebe willen... Ihr Edelmnth an jenem !
verhängnißvollcn Tage schlug mir die r
Waffen aus der Hand. . .dieschreckliche '
Stunde in der dunklen Einsamkeit jener c
Kammer vollendete die Wandlung.. .
Ich hörte jedes Wort, das draußen ge- i
sprechen ward, nnd ein Blitz schlug in l
weine Seele, der mich niederwarf, aber I
zugleich auch mit seiner Flamme den l
Weg zur Reitung beleuchtete. . . Sie >
kennen meine Abstammung", begann sie >
nach tiefem Anfathmen wieder, „Sir >-
wissen, daß mein Vaier ein sehr kochge- >
stellter Beamtrr war; meine Jugend >
-verging in gedankenloser Freude, den >
.Niich umgaben Schönheit, Reichthum
und Rang, ich war die Gefeierte in den
Kreisen der Gesellschaft und die Vcwcr
eber drängten sich von allen Seite — j
mein Hochmuth war Ursache, daß ich mit I
der Wahl zögerte, denn ich wollte keinen (
-Andern wählen, als den, der sich wirklich z
als der Erste und Ansehnlichste von Al- >
Een erweisen würde. . . So schien ich kalt <
vor der Welt und rein vor mir selber >
-.war ich eS nicht! Einer der Männer, >
Genen ich zum Unterricht anvertraut ge- ,
Wesen, hatte seine Stellung mißhrauchi, i
eine sträfliche Neigung in mir zu wck i
keo .. . während meinen Wandel einen
musterhaften pries, lag ich hcimlich in ,
den Bandes des Lasters. . . bis der i
Donnerschlag kam, der mich aus meinem
Sündentaumel aufrütteln sollte! . ..
Ich fühlte die Mutter ... der Ver- '
zweiflnng nahe, durch das Geheimniß
noch mehr an den Verführer gefesselt
war ich vollends, war ich willenlos sei
nen listigen Rathschlägen preisgegeben.
.. Es gelang meiner Heuchelei, meinem
edle arglosen Vater die Erlaubniß zu
einer kieinen Reise abzuschmeicheln ; ich
reiste nicht weiter, als in den von mei
nem Genossen bereit gehaltenen Schlupf
Winkel ... mein unglückseliges Kind,
da ich nie gesehen, blieb in den Händen
jene Mannes ... er wußte mich zu
überzeugen, daß zur Ncltung meiner und
seiner Ehre jede Spur desselben ver
schwinden müsse... ich kehrte in das
HAU meines Vaters zurück, als habe
ine plötzliche Erkranknng mich zur Un-
tcrhrechung meiner Reise bewogen . ..
das Kind ward an einem Orte ausge
setzt, wo es sicher war, gesunden zu wer
den. .."
„Gott, mein Gottrief Isidor.
Welche Ahnung wecken Sic in mir!"
„Die Ahnung .. ." fubr sie mit An
strengung fort, „täuscht Sie nicht. ..
mögen Sie über mich urtheilen, wie Sic
wollen, mögen Sie mich verdammen, wie
ich es verdiene, Sie müssen Alles wissen.
Die Behörden der Stadt mußten des
Kindes sich anntbnitn, sie gaben den
Findling auf's Land, zu Bauersleuten
in die Pflege . . . Jenes unglückliche
Mädchen, daß ich verfolgt, daß ich in
Tod getrieben ... meine Tochter. .
Sie war in der Oual des Bekennt
nisses vom Stnble herabgcglitten und
barg das Gesicht in den Kiffen wort
los, erschüttert stand der Caplan.
„Als ich das Mädchen nach Jahre
zuerst erblickte", sagte das Fräuleinnach
einer Weile mit mühsamer Fassung,
„da stieg eine unsäglich freudige Regung
in meinem Herzen aus. . . o daß ich ihr
gefolgt! Ich hätte mein Leben und
auch wohl das ihre in einen Blumen
garten verwandelt aber ich hatte
mein Herz gewöhnt, zu schweigen, ich
halte mich eingeübt, alle Regungen in
mir zu ec sticken ... der stille Groll über
niein Geschick, der heimliche Neid fraß
an mir, denn die Stellung, in der ich
mich damals befand, widerstrebte mci
neu, Stolz, nd doch war ich gezwun
gen gewesen sie anzunehmen ... das
Geheimniß meines Lebens sing ja an,
wenn auch nur als ferne Vermnihung,
ruchbar zu werde ... der Gram riß
meine Vater rasch dahin, ich stand al
lein und fühlte bald, wie sehr ich eS war.
So war mir das Anerbieten meines On
kels ein willkommenes —lch konnte den
noch herrschen, konnte eine Nolle spie
le, konnie der Verbissenheit meines Ge
müths Lust machen und Andern einen
Theil des Leids anthu, das ich inner
lich empfand so ward die anfängliche
Neigung zu ihrem Gegensatze'zum Has
sc. . . Urtheilen Sic nun, was in mir
vorging, als ich in jenem Versteck gefan
gen von dem Ringe mit den drei Ster
nen hörte . .'. ich wollte heraus stürzen
in Verzweiflung, meine Schmach nnd
mein Verbrechen vor Allen zu bekennen
nnd meine Strafe zn fordern aber
ein Gedanke, der wie eine Erleuchtung
mich überkam, hielt mich zurück: der
Gedanke, daß vielleicht och Hülse mög
lich sei .. . ei Zensier öffnete sich mei
ner Flucht ... ich wollte die Rettung
versuchen, wo nicht, den Tod finde, wo
mein Kind ihn gefunden . . ."
Sie hielt ic; Isidor hatte sich er
hoben. „O, vollenden Sie", rief er in
größter Erregung, „meine Seele horcht
Ihren Worte entgegen !"
„Ich kam", fuhr sie fort, „lange vor
Ihnen am Ufer des Flusses an ; ich sah,
wie die Fußtritte im Schnee unmittel
bar in den Strom führten, uh rannte
trostlos hin und wieder... da gewahr
te ich, daß eine gute Strecke stromauf
wärts dieselben Spnren wieder aus dem
Wasser heraus führten ... das Mäd
chen war also in den Fluß getreten,
dann iinFlusse stromaufwärts eincStrccke
fortgegangen und wieder an'S Ufer ge
stiegen ... sie hatte also nicht die Ab
sicht zu sterbe, sie wollte nur für todt
gelten . . . das durchzuckte mich ein
mal mit Blitzesklarheit... Ich suchte
weiter, sie konnte ja noch keine große
Entfernung erreicht haben und zu
meinem namenlosen Entzücken gewahrte
ich sie bald, im Gebüsche liegend, aber
in tiefer Ohnmacht, fast erstarrt von
der furchtbaren Erkältung im Wasser,
das ihr an den Kleidern gefror.. ."
„Heiliger Gott!" rief Isidor und
faltete die Hände zum Gebet. „Ist e
den ein Traum? Auch den letzten
Stachel nimmst Du aus meinem Her
zen, den Gedanken, daß sie als Selbst
mörderin geendet! .. . O Du treues
Gemüth, wie tauchst Du in noch schöne?
rem Glänze vor mir auf! O reden Sie",
mhr er, gegen Amelie gewendet, fort,
„sagen Sie mir Alles! Was ist mit
Franzi geschehe ? Lebt sie noch ? Wo
ist sie 1
„Sie lebt", begann Amclie wieder,
„es gelang mir, sie zum Bewußtsein zu
rück,bringen und von meiner geänder
ten Gesinnung zu überzeugen... für
uns Beide bestand die gleiche Nothwen
digkeit, vor den Augen der Bekannten
zu verschwinden, todt zu sein für die
ganze Welt... sie folgte mir. Die
Grenze war bald erreicht von da gab
ich meinem Onkel Nachricht, raffte mein
Vermögen zusammen nd ging mit
Franzi nach dem Norden, in eine ferne
deutscht Stadt, sie sicher sein durfte,
nngekannt zu bleiben . . . Dort gab ich
mich ganz ihrer Liebe, ihrer Pflege, ihrer
Ausbildung hin —eine Reihe von Zäh
ren begann für mich, worin jeder Tag
ein Himmel war und doch die ganze
Oual der Hölle in sich trug !"
„Unbegreiflich!" rief Isidor. „Ich
sollte glauben, die Freude, eine solche
Tochter wiedpr gesunden zu haben..
„Halten Sie ein!" rief das Fräulein,
schmerzlich abwehrend, „Zeigen Sie mir
die Seligkeit nickt, der ich entsagen
mußte!. .. Durfte ich ihr das sagen,
was sie mir ist? Mußte ich nicht fürch
ten, daß sie eine Mutter verabscheuen
und von sich stoßen würde eine Mut
ter, die herzlos genug, das kaum gebore
ne Hülflose Wesen in die Welt zu schleu
dern, herzlos genug, eS allem Jammer,
allem Elend, allem Frevel der Welt
schutzlos preis zu geben ... grausam
genug, sie mit der Wuth des Hasses au
der letzten Freistatt zu treiben und in
den Tod zu stürzen ... Wie oft, wenn
fle sich in meine Arme schmicgte, wenn
ste mich mit Liebkosungen eines unver
dienten Dankes überhäufte, wie oft
drängte sich da das Wort des Bekennt
nisses auf meine Lippen ... aber ich
sprach es nicht ans, ick drängte eS zu
rück . . . ikre Freude nicht zu stören, mir
selbst zur Buße, setzte ich den Fuß nicht
auf die Grenze meine Canaan, wies
ich den Wonncbechcr von mir, nach drin
meine Seele lechzte... Ich habe Fran
zi als meine Tochter gepflegt, mit aller
Sorgfalt und Liebe einer Mutter —daß
ich eS ihr in Wahrheit bin, weiß sie
nicht. . . ."
„Sic weiß es nicht?" rief Isidor
staunend. „Ick bewnndcre diese Ent
sagung ; daß Sie ihrer fähig waren,
versöhnt mich Ihnen. . . Aber Sie zag
ten wiederholt, daß Sie Franzi ge
pflegt. .. Was ist mit ihr, daß sie der
Pflege bedarf?"
„Sei'n Sie gefaßt, da heirübieste
Wort zu hören", sagte das Fräulein
und richtete sich in dem Stuhle auf, in
dcn sie gesunken war. -„Franzi'S Ge
müth klärte und beruhigte sich mit der
Zrit, der Gedanke, ihr Vorhaben gelun
gen zu wissen, goß Oel auf die stürmen
den Wellen . . . aber nur zu bald zeig
te sich, daß ihr Körper zn erlirgen de
gann .. . sei'S wegen der angebornc
Zartheit ihres Wesens, sei's wegen der
über ihr dahiiigebranstcn Stürme, de
nen sie nicht gewachsen war. . . Beäng
stigende Vorholen zeigten sich, Alles was
die Kunst der Aerzte vennochic, ward
aufgeboten, vergebens, sie schwand und
verzthrie sich immer mehr, bald blieb die
einzige Hoffnung, daß es einem Aufent
halt in einer mildern südlichen Gegend
gelingen werde, das rasche Verwelken um
Stunden nnd Tage auszuhalten. . .
Dies hat uns wieder in diese Gegenden
geführt, dies und der Wunsch der Lei
denden, vor ibrem Ende, daß sie nahen
fühlt, den Mann noch einmal zu sehen,
dem ihre ganze verdiente Liebe gekört.
. . . Treten Sie in jenes Zimmer, Fran
zi ist die Sterbende, z der Sie gerufen
sind..."
Isidor stand zögernd, das Tuch vor
die Augen gedrückt. Amelie hielt einen
Augenblick iniic; dann fragte sie:
„Sind Sie gesaßt ?"
„ ... Ich bin es. .."
„und ehe Sie eintreten .. . vergeben
Sie auch mir. .."
„DaS will Ich nicht mit Worten thun,
die That soll zeigen, daß ich es schon ge
than. . ."
Er reichte ihr die Hand, die sie hastig
ergriff, indem sie ihm in den Gcmacb
führte. Wortlos sank er an dem Lager
nieder, von welchem eine bleiche kagere
Gestalt ihm ebenfalls stumm die abge
zehrte bebende Hand entgegenstreckte...
da war kein Hoffen, keine Täuschung
mehr möglich, in dem einst so lebensfri
schen Antlitz hauste schon der Tod nd
nichts war von früher geblieben, als die
dunklen Augen mit ihrem spiegelnden
Abgrund von Treue.. .
„Isidor," sagte sie schwach, „v .. .
das ist eine Freud', die ich kaum mehr
gehofft hab' . . . jetzt geh' ich wohlge
trvst' aus der Welt. . . Können Sie mir
verzeih, daß ich Sie so betrogen
hab' ?"
„Was hätte ich zu verzeihen", erwi
derte Isidor innig, „wo jedes Wort von
mir nichts ist und sein soll, als Dank.
. . . Täglich hab' ich Deiner als einer
Verstorbenen gedacht, mit der ganzen
Trauer der Liebe . .."
Franzi'S Augen leuchteten noch Heller
auf; sie wollte sprechen, aber ihre Er
mattung war zu groß. Mit innigster
Besorgniß beugte das Fräulein sich über
die Zurücksinkende, schob leise den Arm
unter daS Kissen und richtete sie sanft
empor. „O wie gut Sie mit mir sind",
sagte Franzi mit einem Blick voll Dank,
„das verdien' ich ja nit! Ich kann es
Ihnen niemals verdanken, was Sie an
einem so geringen Madel wie ich Alles
thun... Ich hab' auch", setzte sie mit
himmlischem Lächeln hinzu, „keine Zeit
mehr zu Danken. . ."
„Sprich nicht so," jammerte das
Fräulein, „Du weißt nicht, wie Du mein
Herz zerreißest. . ."
„Da möcht' ich nit", flüsterte Franzi,
„ich bin ja so glücklich jetzt und möcht',
Sie sollen es auch sein, nd Sie. ..
Du auch, Isidor! Jetzt ist eS wohl kciu
Unrecht mehr, wenn ich so zu Dir sag'
.. DaS ich das kann, eine große Freud'
für mich ... fast noch größer, als wie
dazumal, wo ich das Kränzet hab' tra
dürsen an Deinem Ehrentag..."
LancaSter, Va., Donnerstag, Dezember 27,
„Wer iveiß", sagte Isidor weich, „ob
Dir nicht eine noch größere Freude vor
behalten ist ! Wie wenn ich Dir Nach
richt brächte von den Deinen . .. wenn
ich Deine Mutier Dir zuführen könn
ic. . ."
Trotz der Schwächt richftte Franzi sich
hastig auf, ein sieberisches Zucken über
flog ihren Körper. „Meine Mutter
..." stammelte sie, „. .. sie lebt...
Darfich sie etwa gar sehen?"
„Sie lebt — Du darfst sie sehen, wenn
Du Dich stark genug fühlst. . ."
„Wo ... wo ist sie..rief sie fie
berisch und die längstvcrbiichencn Rosen
ihrer Wangen erglühten noch einmal.
„Hier !" erwiderte Isidor, auf Amelie
deutend, welche am Bette zusammen
knickte und vor Schluchzczi nicht zn
stammeln vermochte: „. . . . Vcrgc
bung..."
„Meine Mutter. .." stammelte die
Sterbende, „Sie... Du? O, wenn
das wahr ist, warum nimmst Du mich
nit an Dein Herz. . daß ich sagen kann,
ich bin am Herzen meiner Mutter gele
gen . . . nur ein einzig'S Mal, wenn's
auch das letzte Mal ist. .."
Amelie zog sie an die Brust. „Mein
Kind. .." weinte sie, „mein gutes, lie
be, mein unglückliche Kind!"
„Mutter. .. mein' Mutter", sagte
Franzi leise und wie für sich hin, als
horcke sie der Süßigkeit des Tones in
dem noch ic vernommenen Worte; dann
bemeisterte sich ihrer vollends die Schwä
che. Die Anspannung war zu groß ge
wesen für da zarte, in seinen tiefsten
Fasern erschütterte Leben; sie haschte
nach Isidor'ö und Amclie Hand . ..
„Droben ... bei unserm Herrgott.. .
mein' Mutter. . . mein Bruder. .."
Die Stimme brach, aber aus den Augen
quoll ein letzter Strahl unendlicher Lie
be, auf ihm schwebte die schöne Seele
von hinnen !
lsidor kehrte gebeugt und
doch innerlich gehoben an den Ort seines
Berufes zurück, dem er fortan mit ver
doppeltem Eifer gehörte. Nack einiger
Zeit kam das Fräulein in's Pfarrhaus
ein bescheidener und stiller Gast, der ge
niig Staunen und doch wieder Genug
thuung hervorrief, daß es dem allgelieb
ten Manne gelungen, auch dieses feind
lich widerstrebende Herz zu versöhnen.
Ihr Vermögen wendete sie der Schule
zu.
Jtzr Geheimniß blieb mit Franzi be
graben.
Isidor ward ein Mann, von dem auf
die Umgebung Segen träufte, wie von
einem Palmenbaum ; er durchmaß das
Leben bis an die äußersten Grenzen und
hatte die Freude, die Secundiz, das fünf
zigjährige Jubelfest seiner Priesterweihe,
an demselben Altare > der Heimath z
feiern. Von den Gästen, die ihm da
mals so fröhlich das Geleit gegeben,
waren die meisten schon dahin; auch der
MovSrainer schlief schon lange neben
seiner Alien, die vor ihm gestorben war.
>. . „Ich glaub", sagte er die Augen
wischen, wenn er ihrer gedachte, „sie hat
sich nur deswegen so von mir wegge
tuinmclt, daß sie bei der alten Gewohn
bcit bleibt nnd jg nicht zu späf kommt".
Wenige Tage nach dem Jubelfest blieb
Isidvr's Zimmer ungewöhnlich lange
verschlossen; als man eintrat, saß er in
seinem Lehnstuhl mit aus die Brust ge
senktem Haupte nd ruhigen Zügen, als
ob er schliefe; ans dem Tische lag die
Bibel aufgeschiagen.im Lesen war er da
hingegangen zu denen, die ihn erwarte
ten.
Es ist lange her, daß dies geschehen,
im Volke aber lebt sein Andenken fort
und Mancher, der damals ein Kind
war, erzählt weiter, was er von ihm ge
hört, und zuckt die -Achseln, wenn man
die spätern Pfarrer lobt, und sagt!
„Alles recht ich nehm' ihnen nichts,
aber einen solchen Herrn kriegen wir halt
nit wieder, wie unser Dorfcaplan!"
Verschiedenes.
Große Privatvermögen.
Wie leichtgläubig amerikanische Zel
tungSrcdaktionen mitunter sind, rrhellt
aus folgender Mittheilung eines Wcch
sclblattes -
„Das Vermögen der Familie Roth
schild wurde am I. Juli 1866 auf 14,-
oVo,vgl),Wü Frc. also Zwei Tausend
Sechshundert Millionen Dollars ange
geben ! Dasselbe nimmt jedes Jahr nur
allein durch Aufhäufung der Zinsen um
sechzig Millionen zu l
So arg ist eS nun grade nicht. Die
Familie Rothschild stammt aus Frank
furt am Main, und ihr Ahnherr, der
Großvater der gegenwärtigen Familien-
Häupter, war in der „lugendgasse"
wohnhaft. Er hinterließ eine Million
Gulden, was damals—zur Zeit des er
sten Napoleon—für einen ungeheuren
Reichthum galt.
Der Sohn dieses Mannes steigerte den
Reichthum auf 66 Millionen, und ver
dankte diesen großen Aufschwung nicht
seiner Smartheit fondern seiner Ehrlich
keit. Der Kurfürst von Hessen hatte ihm
2 Millionen Gulden, das ganze dama-
ligc kurfürstliche Privatvermögen, zur
Aufbewahrung grgehcn. Als die Fran
zosen Frankfurt plünderten, verschonten
ste auch das Haus RotbschildS nicht.
Der Kurfürst gab daher sein Eigenthum
erloren, indem er glaubte, wenn Roth
schild auch nicht wirklich darum beraubt
würde er doch angeben, dem sei so. Aber
er that die nicht, erstattete vielmehr
das Kapital mit den Zinsen zurück,
ward von da ab in den Adelstand erho
ben und vermittelte fast alle Anlcibcn
der Deutschen Fürsten und großen Edel
lenie.
Als dieserßankier nd erstc„Freiherr"
von Rothschild starb, theilte er sein Ver
mögen unter fünf Söhne, deren also je
der 12 Millionen Gulden rheinisch er
hielt. Sie ließen sich in Frankfurt,
Wien, Neapel, Paris und London nie
der, und beitriebe ihr Geschäft mit ei
nem gemeinsamen Kapital, als Agen
turen derselben Firma. Dies gemein
same Kapital betrug 56 Millionen Gul
den, also jeder gab die Hälfte seines Erb
theils in das Geschäft, wäbrend er die
anderen 6 Millionen Gniven als sein
Privatvermögen behielt.
Derselbe Grundsatz galt auch ferner
hin : so oft Kassa gemacht wurde, blieb
von dcmßeingewinn die Hälfte im Ge
schäft, wahrend die adere an die fünf
Theilhaber ausgezahlt wurde. Dadurch
wuchs der Besitz der Rothschilds mit je
dem Jahr schneller.
1864 erklärte der Rothschild in Nea
pel, daß er sich vom Geschäfte zurückzieben
und zur Ruhe setzen wolle! Er übersie
delte nach Genf in der Schweiz. Der
Dermögensantheil, der ihm nun aus dem
Geschäftskapital bezahlt wurde, betrug
156 Millionen Francs. Folglich beträgt
sein gesamnitcS Vermögen 866 Mill. FcS.
u. ebenso groß ist das jedes dcrvier ande
ren Rothschilds ini Jahr 1864 gewesen.
Also jede dieser fünf Familien besitzt 66
Millionen Dollars, wqs zusammen 866
Mill. austrägt, aber nicht 2,666.
Die Privatvermögen der Rothschild
sind so angelegt, daß der londoner (Lio
nel) das ftlnige in die Bergwerke der
Insel Eeylon in Ostindien, der pariser
in die Aktien der straßhurger Nordbahn
und in Häuser Hypotheken von Paris
gesteckt hat; der wiener wirthschaftet mit
dem dortigen Eredit Mobilier und best tzt
zwei große StandeSberrschasten, der
frankfurter ist mit seiner ganzen Macht
bei den Operationen der frankfurter
Bank betheiligt, und der genfer hat in
Schlesien Güter gekauft.
Die Rothschilds sind, alle fünf zusam
mengerechnet, die erste linanzmacht der
Welt. Einzeln dagegen haben sie viele,
die ihnen gleichkommen, und zwei sogar,
von denen sie übertroffen werden.
Diese zwei reichsten Männer der Welt
sind dcrßeniier laconboff inPeterSbizrg
und der newyorker Dry-GoodS-Fürst
Stewart. Das Tcrmögen jedes dieser
beiden erträgt jährlich 4 Millionen Dol
lars, repräsentirt folglich 86 Millionen
Dollars. Den Nothschilds glcjch stehen
von Engländern die Lords Ward und
Herzog von Sutherland, jeder mit jähr
lich 3MillioncnDolsarS, ebenso von Rus
sen die Fürsten Demidow, Jnssupoff und
Srherremiliew, v.z Amerikanern Astor,
von Merikanern das Geschlecht der Gar
eiaS.
Ihnen beinahe gleich kommen das
Hand Sina in Wien (86 Millionen
Gulden österr., wovon 56 in Standes-
Herrschaften) Das HauZ Heine in Ham
burg im Jahr 1864 sieben und neunzig
Millionen Mark Banco stark, also 66
Millionen Dollars) und von Russen der
Fürst Woronz ow der Fürst PaScewitsch
und die Familien der Narischkin und
Karamsin von Engländern die Herzöge
von Bucoleugh und Devonshire, von
Ossunna und Medinaceli, von Jtaliä
nern der Herzog von Galiero, Haupt
aktionär der Eisenbahn zwischen Rom
und Trieft, von Amerikanern Peabody
(56) und Vandcrbylt (46 Millionen
Doll.).
In Preußen, Frankreich, der Schweiz
und Oestreich giebt eS keine Leute, die
sich außer dem wiener Sina mit den
Rothschilds gleichstellen könnten.
Der reichste Franzose war der Herzog
vonNorny, welcher 166 Millionen FrcS.
(also 56 Mill. Doll.) nachließ. Der
reichste Schweizer ist Graf Pourtales
von Neufchatel, mit 86 Millionen FrcS.
Der reichste Preuße ist Graf Fürstenberg,
Stammheim, mit 466,666Tha1ern jähr
lichen Einkommens. Der reichste Oest
reicher nach Sina ist der Fürst Liechten
stein mit 2 Millionen Gulden jährlichen
Einkommens.
Außer den hier genannten glauben
wir nicht, daß noch viele nahmhafte, ü
ber 5 Millionen Dollars auflaufende
Vermögen sich werden nachweisen lassen.
Zwar hat auch Mancher im Geheimen
mehr als sich den Anschein giebt, doch
kann man im Allgemeinen die Regel an
nehmen, daß das Geld viel rarer ist als
man gewöhnlich denkt.
* Die Kornfelder von De Kalb Sounty, Ind.,
haben sehr stark durch die letzten Fröste gelitten
s daß kelne halbe Ernte mehr erwarte werden
ann. Da Korn ist noch weich, und Blätter
und Stengel sind ersteren.
Sin verloren Tochter.
Aus Chicago wird geschrieben: Jeder
mann wenigstens die Mehrzahl unserer
Lrsrr Hai von dem biblisch verlorenen
Sohn gekört, der da wieder kehrte in
seine Vaters Hans wie geschrieben steht
im Lukas, Cap. 15, Ver 18 —Bl, und
wie der Vaier dem Sohne den besten
Rock aus seiner Garderobe gab und ein
Kalb zur Feier der Wiederkehr schlackten
ließ.
Ein ähnliche Fest feierte die Madame
Maculay, als ihre Tochter Delia, welche
seit 5 Jahren fern vom elterlichen Hause
der Liederlichkeit nnd dem Laster gefröhnt
heimkehrte.
Macaulay hatte das 17. Lebensjahr
erreicht, als fle, der Montonie deS häus
lichen Einerlei müde, beschloß, ihr Leben
auf eigenere Weise al bisher zu genießen
Delia hatte kein üble Aeußere, u. es ge
lang ihr sich baldigst einen Gentleman
zuzulegen, der bereit war ihr verschiedene
Opfer zu bringen. Mit diesem Namen
Billiy Tbomsod, machte fle ihren ersten
Ausflug nach dem Osten, und ein Paar
Monate lebten Beide herrlich und in
Freuden.
Aber Billy liebte Veränderung, varia
io üoloutut, wie schon die klassischen
Italiener sagten und kam zu de m Ent
schluß, sich ein neues, und frischeres
Eremplar zuzulegen. Und eines schönen
Tages fand sich daher Delia in dem
Zimmer eines New-Zlorkcr Hotels allein.
Nach reiflicher Ueberlegung kam diese
ebenfalls zu dem Entschluß, sich auch ei
nein frische Gentleman zu fangen und
so geschah es.
Diese Operation mußte natürlich im
Laufe der 5 lahren ziemlich häufig voll
zogen werden, bis die Reize der lebens
lustigen Donna sichtlich zu welken be
gannen. Ob nun diese Wahrnehmung
oder Ueberdrnü ihres vagabundirenden
Lebens sie in das elterliche HqnS
zurückzukehren, wissen wir nicht; viel
leicht war beides der Grund ihrcrS plötz
lichen Widerscheinen in der Mvnroe
straße.
Die Freude der alten Mutter war
grenzenlos, als sie ihr Kind wiedersah
und Alles war vergeben und vergessen.
Die Dame Macaulay hatte freilich
kein seidenes Gewand, die verlorene
Tochter damit zu bekleiden, auch kein fet
tes Kalb zu Zestbraten; aber sie war im
Besitz tehrerer ersparrten Dollars, und
von diesen nahm sie einen, eilte zum
nächsten Grocer, kaufte den fettesten jun
gen Hahn, denn sie kriegen konnte, nnd
herrlich mundete der wiedervereinigten
Familie dies Festmahl.
Delia war glücklich, die Mutter über
glücklich und im Hause herrschte Liebe
nd Eintracht.
So vergingen Wochen; der zweite
Monat der moralischen Wiedergeburt
kam, und Delia begann bedenkliche Zei
chen von Unruhe zu zeigen.
Die Erinnerung an die Annehmlich
keiten des fünfjährigen Bummellebens
erwachte in ihr, und sie sehnte sich wieder
hinaus in'S Freie,
Bergebens ermahnte siedle gute Mut
ter, die Vergangenheit zu vergessen und
malte ihr die Freuden eines stillen häus
lichen Familienlebens in den schönsten
Farben. Delia wollte aber nichts davon
hören, fing schließlich an sehr unange
nehm zu werden und der mütterlichen
Autorität ein Schnippchen zu schlagen.
Eines Tages als Mutter Macaulay
ihrer Tochter wieder ein herbe Morali
sche gelesen, bildete sich Delta plötzlich
einen gewaltigen Zorn ein, attakirte die
Mutter, zerkratzte ihr das Gesicht und
beschädigte ihr Toupee in bedenklicher
Weise. Das war selbst für die liebe
vollste Mutter z viel und die Polizei
wurde gerufen.
Delia wurde arretirt, in dem Polizei
gerichte zu 852 Strafe verurtheilt und
wanderte in Ermangelung dessen auf
fünfzig Tage nach der Bridwell, von wo
sie vielleicht nach reiflicher Ueberlegung
gründlich gebessert in das mütterliche
Haus zurückkehrt.
* Die Freimaurer von New-Zlork ollen ein
Wittwen-und Waisenhaus für die Hinterlas
senen von freien und acceptirten Maurern
errichten, und haden zu diesem Zwecke schon
§266,066 zusammengebracht.
* DaS Sensus-Departement in Washington
schätzt die gegenwärtige Bevölkerung der Ver.
Staaten auf 36 Millionen Seelen.
* In Alerandria (Va.) sitzt gegenwärtig im
Gefängnißein vierzehnjähriges Mäd
chen, welches ihr Kind bei der Geburt er
drosselte!—lhr elfjähriger Bruder war
ihr beim Einscharren des Babys behilflich!
* Am Freitag, den llten November, war der
18. Jahrestag der Hinrichtung Robert
Blum ' S in der Brigittenau zu Wien.
* Der konservative Kandidat für die Gesetz
gebung von Illinois, S. Sameron, hat
die „Tribüne" in Shicago wegen Schmähung
erklagt und beansprucht eine Entschädigung
von §25,666.
*ln Ehina sind zwei französische Bischöfe
und sieben Priester, nebst einer Anzahl zum
Ehristenthum bekehrter Singeborner ermordet
worden.
Gefangen. Wilson S. Roofe, der die
Frau Musson am vorigen Montage in Moga
dore, Ohio, ermordtte, wurde vm Donnerstag
n Stark Sounty arretirt. und fitzt jetzt im Ge
ängniß zu Ravenna, Portagr Eo.
Die Lagerbier - (Erfindung.
Es giebt beut zu Tage Geschichtswerke über
Alle, und die Gelehrten meinen beinahe, e
bade kein Ding in ttr Welt ein Recht, zu sein,
rem sie nicht selber tr Geburtsschein ausge
stellt. Dem Bure und seiner Abkunft haben
sie niit aller Grlchrst'mkeil bis beute nock nicht
auf die recht Fährte kommen können, nb wie
rasLagerbier in die Welt hereingekommen
steht auch in keinem EonversationS - Lerikon be
schrieben, so daß die nachfolgende Historie, wie
sie in Bayern rzäht wird, dcn Ruhm hat, eine
Lücke in der Wissenschaft auszufüllen.
Um die Zeit, als der Wallenstei in Deutsch
land haus'te, lebte in Lichtenfels in Bayern ein
Schuhmacher, der nicht lange erst eine Lehr
jungen angenommen halte. Dem befahl er ei
ne Morgens, die Flasche zu rinne nnd sie
voll Bamberger Bier zu holen, wie es damals
in der Stadt ansgcschrnkt wurde.
Der Bursche aber verstand die Sacke falsch
und macht sich ans den Weg nach Bamberg
selbst, wo er den Mittag ankam, sich seine Fla
sche füllen ließ und mit hungrigem Magen und
kuriose Gedanken, warum ihn sein Meister so
weit um eine Flasche Bier schicke, wieder auf
den Heimweg machte. Es wurde, schon Abend,
als er lüde vor Lichtenfels ankam ud doct ei
neu andern Schusterjunge traf, der ihn ob
seines writen Wegrs und seiner Dummheit
auSla ckle und nicht genug zu erzählen wußte
wie sein Meister über sein langes Ausbleiben
geschimpft und schon den Knieriemen für ihn
zurechtgelegt habe. Dem Burschen stieg die
Angst zu Herzen. Der Schusterei hatte er von
Anfang an keinen Geschmack abgewinnen kön
ne und die Prügel in Aussicht stießen dem Fas
se den Boden aus, er steckte die Flasche in ein
Loch, das unter einem Baume am Wege ent
standen war stopfte es mit Erde und Rasen zu
und lief in die weite Welt. Für abentcuernte
Gesellen aber wär's just damals die rechte
Zeit. Schon am ander Morgen traf der Bur
sche auf eine Trupp Rriter, die de kräftigen
Jungen gern als Troßbuben mit sich nahmen,
rienschreiber aufbewahrt bleiben, die krirgeri
schen Abenteuer des Burschen zu erzählt, un
ser Hauptzweck ist das Lagerbier, und so sei denn
nur demerkt, daß rr mehr Geschick für den Sä
bel zeigte, IS jemals sür den Pfriemen, und
mehr Muth bei'm Einhauc als Verständniß
bei'm Bierholen, daß er dcu grricdläudrr ein
mal selber bci rinriu unvcrmutheteu Ucberfalle
heraushieb und ach fünf Jahren als Offizier
an drr Spitze eines Fähnleins zu demselben
Bamberg hinausgegangen war.
Der Baum, der die Flasche verdeckte, stand
noch grünend aufocmsclben Flecke. Das
Glück aber hatte den Burschen ich stolz ge
macht, sein erster Gedanke war, seinen alten
Meister aufzusuchen-, vorher aber ging er vor'
die vollkommen gut erhalten schien und wander
te damit seines Meisters Hause zu. Der Schuh
wacher fuhr in die Höhe, atS er den Offizier
eintreten sah, der aber streckte ihm die Flasche
entgegen und sagte: „Da Meister, ist das Bier,
daß ich für Euch von Bamberg habe holen müs
sen,'S hat freilich ein Bischen lange gedauert,
aber es wird ja och gut sein,,. Der Schuh
bis ihn der Offizier lachend fragte, od er den
seinen davongelaufener Lehrjnngen nicht wie
der erkenne, und ihm erzählte, wie cö ihm ge
war ihm noch Gedächtniß, dcn derlei Geschirr
war zu jener Zcit kostbarer als heute, und so
wurde die Flasche Mehr des Spaßes wegen ge
öffnet,,aber eimen solchen Trank, wie da her
ausquoll, hatte he Schuster Zunge noch ie
der noch nicht beeinträchtigt werden ist bis auf
den heutigen Tag.
Die Stadt Philadelphia.
Philadelphia ist dreimal so groß als Balti
more, viermal so groß als Eincinnati und Ehi
cago, zweimal so groß al Berlin in Preußen,
sechszehnmal so groß als Elcveland, 0., nd
vierzehnmal so groß als Frankfurt a. M., und
wohnerzahl als da ehemalige Kurfllrstenthum
Hessen. Der Staat Pennsylvanien ist sechsmal
so groß an glächenraum als Würtemberg wel
ches Königreich kleiner ist als Massachusetts oder
New-Jersey. Philadelphia ist die zweite Stadt
in Amerika der Einwohnerzahl nach und die er
ste Stadt, nenn man den glächenraum in Be
tracht nimmt. Sie wurde gegründet durch
Wm. Penn und in eorporlrt 176 i. Wir haben
jetzt 366 Meilen gepflasterte Straßen, über 111,-
666Häusrr und 866,61X1 Einwohner, von de
nen lik.6o6'stimmfähige Männer sind. Ii
Mre 1861 wurden Waaren im Werthe von
über 966 Mill. Doll. importirt und landeten
283 ausländischeund36,B32 einheimische Schis
fe. Die Manufaktur brlief sich über 136 Mil.
Doll. im Wrrthe, worundrr die folgenden Ar
tikel besonders zu nennen sind : Zucker über 8
Mill. werth, Leder über 6 Mill., Lagerbier, Ale
und Porter übcr 3 Mill., drstillirte Spirituosrn
über 4 Mill., Eisen über 15 Mill. Schuhe und
Stiefel über 5j Mill., Kleidungsstücke über Ig
Mill., Baumwollenwaarrn übrr 7 Mill., Mehl
mühlen über 3 Mill., Möbeln über 2 Mill.,
AaSapparate über 1j Mill., Unterkleider über
2 Mill., Hüte über eine Mill., Bücher und
Zeitungen über 5 Mill., Seidenfranzcn über
1 Mill., Maschinenwesen beinahe 4 Millionen.
Die Stadt zahlte Taren an die Ver Staaten
in 1864 beinahe 8j Mill. Der Hafen erlaubt
so großen Schiffen die Einfahrt als der Haftn
von New-Aork. Die Stadt wird durch vier
Wasserwerke mit Wasser versehe und Bade
zimmer sind selbst in sehr rinfachc Wohnhäu
sern angebracht. Die Leute sind nicht so einge
fercht wie zu New-Zlork. 24 Märkte sind durch
die Stadt ertheilt. Die öffentlichen Gebäude,
die Gefängnisse nicht mitgerechnet, die für den
Fremden von Interesse, sind !
1. Die StaatSgebäude, wo der erste Eongrcß
Nro. 27.
sich versammelte und die Unalchäg>Ml Erklär
ng unierschrieden wurde.
2. Die Navy-Zard, mit 1? Acker Land um
geben.
3. Ver. Siaaten-Arsenal.
4. Ver. Staaten-Mairosen-Asvl.
!>. Ver. Staaten-Münze.
6. Das Pvstgcbäüde mit 17 Rel-cnsiatiyucn.
7. DaS Zollhaus,
8. 3l Banken.
83 Versicherungen sind hier vertreten.
Wir zähle I 194 Schnllehrer. 59,666 Kin
der unterrichten, die Privatschntcn nicht mitge
rechnet. Girard EvUcge kostet zwei Mill. Dol
lar für Gebäude und Einrichtungen, sie sollten
von jedem Fremden gesehen werde.
Wir haben 16 medizinische Eollcgien, 3 theo
logische Seminarien, eine lustizschule nd unse
re Anstalten für Blinde, Taubstumme, Jude,
Teutsche, Quäkrzs ic. sind zu viele, um sie alle
aufzuzählen.
Literarische nd wissenschaftliche Gesellschaf
ten, Museen, Akademie der seinen Künste, öf
fentliche Bibliotheken, worunter eine denlsche,
275 Kirchen, 35 MissionS-und Traktatgescll
schaftcn, I'.lHospitäler und l 6 Asyle. Die Frei
maurer, Sonderbaren (6ckck kellons), Union
Leugne, Union Klub, Arbeitervereine, Wechsel
gcschäfte, Bull und Bear, Metzger. Schwel
zer, Apotheker u. wer weiß wie viele noch, haben .
alle ihre Vereine hier und mitunter prachtvolle
Halle. Die Herzoge, Großherzogc, Kurfür
sten, Könige, Kaiser, und wie die Herren alle
heiße mögen, haben ihre Konsuln hier.
Wir haben 8 öffentliche Plätze zum Schlitt
schuhlaufen ; das Wetter war aber diesen Win
ter zu warm, um sich solcher Arbeit zu unterzie-,
he. i 5 Spaziergärteu lahen den müden
Wanderer ein, sich zu erholen. 13 Eisenbah
nen bringen und nehmeii.Passaglere und Fracht
hin und her. 22 Straßen Eisenbahnen durch
kreuzen die Stadt in allen Möglichen Richtun
tungen nd 6 Fähren (Dampfboote) machen e
unsere Pennsvlvania Dutchman möglich, die
blinde Hessen in New-Jersey zu besuchen. 7
Telegraphen-Kompaguien sind bereit, einen.
Freunden in allen möglichen Richtungen „gu
ten Morgen" zu wünschen, und 29 Kirchhöst
sind aus Schönste angelegt, um dem hinfälli
gen Körper eine letzte Ruhestätte zu gewähren.
Gine russische Hochzeit.
Nach d:m Ritus der russisch-gnechische Kir
che, deren Oberhaupt bekanntlich der Kaiser, ist
muß rin feierliches Verlöbniß und Aufgebot je
der Bermälung vorher gehrn. Vom Augen
blicke des Aufgebots an erhalten Braut und
Bräutigam Ehepathen, welche quasi Bater- und
Mutterstelle bei ihnen vertreten und bei der heil.
Handlung als Zeugen fungiren.
Der kirchliche Trauung geh die HauSwoihc
voran, ein schöner Bolksgedrauch, der bei gclul
dclrr sein wollende Völkern nachgrahnit zu
werde verdient. Tie Ehepathen vrriaiumeln
sich nämlich mit den nächsten Anverwandten der
Betheiligten im älterlichen Hause des Bräu
tigams oder der Braut, beide letztere trete im
nationalen Schmucke vor die Pathen unn em
pfangen deren Segen, indem die Pathin Bred
und Salz, als Zeichen de Reichthums und
Glücke, der Pathe das Bildniß der Jungfrau
Bor dem Altar angekommen, wird ein Lied
gesungen, nach dessen Beendigung dir Substi
tute jzwei Ringe vom Altar nimm, einen gol
dene für den Bräutigam eine silbernen für
die Braut, welche er ihnen ansteckt. Dann
nimmt er zwei Kronen vom Altar und setzt die
se der Braut und dem Bräutigam auf Während
dieser Procedur liest der Pope daS Evangelium
vor. Der männliche Ehezcuge nimmt den
Ringwechsel vor und der Pope reicht den Neu
vermählten einen Pokal mit Wein, au welchem
diese drei Mal trinken.
Hierauf schreiten sie unter Anführung de
Popen und gefolgt von den Pathen drei Mal
um den Altar, zum Zeichen, baß sie immer aus
Gottes Wegen zu wandeln entschlossen seien.
Die Pathen nehmen ihnen nun die Krone
vom Haupte, sie küssen das Erucifir und reichen
dann sich selbst den ersten ehelichen Kuß. Da
mit ist die Seremonie zu Ende und in heitere
gamilicnscst schließt die HochSzeitSfeier. Der
Erzpriester Wassilieff erklärte uns die Bedeu
tung der Symbole wie folgt: Die brennenden
Kerzen deuten auf eine Ehe voll reiner Liebe;
da verschiedene Metall der Ringe soll die Herr
schaft des Mannes über die grau ausdrücken.
Die Kronen sollen ein Zeichen sein, da die
Neuvermählten ewig nach der Krone der Fröm
migkeit zu ringen haben. Das Trinken au
einem Glase sagt, das Beide von nun an Ei
Leib und Eine Seele seien.
"Der GeneralanwaltdesStaateSMisiourihat
die bei der Wahl nach Sonnenuntergang abge
gebenen Stimmen als gültig erklärt, so daß
S. H. Braunscomb an Frank Blairs Stelle in
die Legislatur und S D Ridgely, ein anderer
Radikaler, in den Senat kömmt. Dadurch
wächst auch die Majorität des radikalen General
PileS. BraunScomp und Ridgely haben von
dem Eounty-Elerk bereit die Beglaubigungs
schreiben erhalten.
der MontagSnacht gefangen, als er eben eine
Leiche au einem Grabe de östtichen Kirchhofes
zu LouiSville ausgraben wollte. Er floh, wur
de aber durch einen Schuß verwundet und ge
fangen. Er sagte aus, daß er für jede Leicht
von de Wundärzten §l6 erhalte.
*ln SclingSgrove gab man einem Kinde
de Hrn. AlbcrtS imlrrthum eine Dosis Opium
woran es am nächsten Tage starb.
*ln einer Familie in Baltimore starb ein
kleines Mädchen am Scharlachsteber. Als ihre
Schwestern vom Begräbniß zurückkehrten, er
krankten zwei davon, im Alter von 18 und 2t)
Jahren, sofort an derselben Krankheit, und star
ben am nächsten Tage, während zwei ander-
Schwestern schon an derselben Krankheit er
krankt darniederlagen.