Pennsylvanische Staats zeitung. (Harrisburg, Pa.) 1843-1887, November 15, 1866, Image 1

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    Hmnsgltmmsche MMs-Zntimg.
Jahrgang 1..
Die
PennsylvanischeStaatS-Zeitung
Herausgegeben von
Jost, Georg Ripper,
erschein jede Donnerstag, und kostet KS.Mb
er zahlbar innerhalb dcslabres, und
nach Vcrfluß des Jahrgangs.
Einzelne Eremplaren, Z <sents per tück.
Reine Subsrriptionen werden für weniger
als sechs Monate angenommen; au kann
Niemand das Blatt abdesiellen, bis alle Ruck
stände bezahlt sind.
Anzeigen werden zu den gewohnliche P>ei
sen inserirt.
Office: in der „Patriot und Union
Druckerei, Dritten Straße, Harrisbarg, und
in der „Intelligenter" Druckerei, am Eentre
Square, Lancaster.
Poesie.
Araucn Klage.
Schwestern, jetzt in unsern Tagen
Hört man Ach' und Wehe klagen.
Daß die Männer jung und alt,
Wachsen iiber'n Kopf uns bald;
Uns nur quälen und zu plage,
Statt uns aus den Händen tragen,
Mühe, Sorg' und Kummer tzloS
Ist der meisten Frauen Loos.
Morgens schon in aller Früh',
Stört der Mann die Harmonie,
Beginnt er schon sei Kritisire
Und die Frau zu controlliren.
Bittet sie um etwas Geld :
„Sag mir doch in aller Welt,
Hast schon Alles ausgegeben ?
Nun, daß ist ei theures Letzen."
Kommt er Mittags denn nach Haus,
Sieht er ernst und mürrisch auS;
Ist voll Aerger und Verdruß,
Brummt —daß ist der Liebe Kuß.
Und das Weitzchen darf'S kaum wa
gen
Nach der Ursach ihn zu fragen—
„Was geht dich mein Treiben an!
Hoffentlich bin ich der Mann."
Nun setzt er sich hin zum Essen,
„Frau, du hast das Sal, vergessen !
Auch noch etwas Pfeffer mehr!
Gieb 'nen bessern Löffel her!"
„Nein, die Suppe ist zu schlecht!
Weib, dir steht der Kopf nicht recht,
Und da Fleisch ist auch noch hart;
Da cß' sich der Teufel satt."
„Künftig komm ich gar nicht heim,
Kehre in das Wirthshaus ein ;
Da kann ich ja Alles hatzc, ,
Kann nach Herzenslust mich laben." ,
Dann geht er des Mittags aus,
Kommt zum Suppcr nicht ach Haus: !
Läßt die Frau vergebens warten,
Spielt im Wirthshaus lustig Karten, '
Und die Frau in stillem Kummer
Wiegt den Säugling sanft in Schlum
mer
Bringt die Kinder all' zur Ruh'—
Küßt sie, deckt sie sorgsam zu.
Nun setzt sie sich hin und näht,
Horcht, wenn er vorüber geht,
Wird es dieser denn wohl sein ?
Aber nein, und immer ein !
So sitzt sie, bis zwölf die Uhr,
O, mein Gott, wo bleibt er nur!
Ach, wie weh'ist ihr'S um's Herz,
Möcht vergeh' ans lauter Schmerz!
Und viel brave, edle Frauen,
Kann man, will man um sich schauen, .
Finden, die der Man nicht achtet—
Andern er zu „pleasen" trachtet. ,
Ach, ihr Mädchen, höret doch,
Eilt nicht so in's Ehejoch !
Traurig, daß, kaum fünfzehn Jahr.
Ihr schon steht vor'm Traualtar.
Werdet doch erst stark, zu tragen,
Was die Frau in schlimmen Tagen l
Leider oft erdulden muß :
Schmerzen, Kummer und Verdruß. !
Vieles könnt ich noch erzählen,
Wie die Männer Frauen quälen, ,
Schreiben noch ein dickes Buch,
Doch für diesmal sei's genug.
Feuilleton.
Der Dorfcaplan.
Erzählung aus Oberbaiern nach einer wahren
Begebenheit.
(Fortsetzung.)
Der MvvSrainer brauchte auch wirk
lich keine Sorge zu haben; mit heiterem,
wohlgefälligem Blick überschaute der
junge Priester die zahlreiche und festliche
Versammlung, aber er blieb ruhig, auch
als er vor der eben angekommenen Bau
ernfamilie stand, die zunächst am Ein
gang wartete und ein Bild darbot, wohl
geeignet, Auge und Herz zu locken und
zu halten.
Die Bäurin hatte auch ihr jüngste
Kind im Wickelkissen mitgebracht; es
hafte während de Fahren geschlafen,
war dann aufgewacht und eben wieder
zur Ruhe gesungen. Die junge Mutter,
ine stattliche Frau mit angenehmen Zü
gen, hielt da Kleine auf dem Schooß;'
die beiden ältern Geschwister, ein Knabe
und ein Mädchen, standen daneben und
schauten das Kind mit neugierig ver
gnügtem Lächeln an. Der Bauer, eine
kräftig gedrungene Gestalt, stand hinter
der sitzenden Mutter, leicht über ihre
Schulter vorgebeugt, sah in die auf ihn
gerichteten Augen des Kindes hernieder
und nickte ihm zu, und das erste Lächeln
umspielte verklärend die kleinen Lippen.
„Siehst Du, sie kennt Dich schon,
Vater! Sie lacht Dich an!" rief die
Mutter.
„Sie lacht! Sie lacht!" jubelten die
Geschwister und klatschten in die Hände.
Die Mutter aber hob das glückliche
Auge auf und blickte in da über ihr
hängende des Vaters und „Sie lacht
ganz wie Du, HanS," sagte sie leise und
verstummte, weil ihr die Thränen vor
stürzten.
Der alte MooSrainer stand gelassen
daneben, aber auch in seinen Auge be
gann es zu schimmern.
Isidor' Antlitz blieb unverändert;
keine Regung zeig sich darin, als da
Wohlwollen des Menschenfreundes, der
es zur Aufgabe seines Lebens gemacht,
sich selbst vergessend ganz aufzugehen in
der Thätigkeit für Andere. Durchdrun
gen und gehoben von dem gläubigen Ge
fühl der neuen Würde, trat er in den
Kreis, der sich nun bildete. Männer
und Jünglinge, Mädchen und Kinder
sankcn andächtig in die Kniee, damit er
ihnen die Hand auflege und sie segne,
denn es ist ein frommer Glaube, daß der
Segen eines Priester, der eben erst die
Weihen empfangen, von besondererKraft
sei und Etwas davon auf den Empfän
ger übertrage.
Die junge Mutter war die Erste, die
sich herandrängte; über die Knieenden
hin reichte sie das Wickelkind der erste,
der kräftigste Segen sollte dem schuldlo
sen Liebling werden. Mit stillem Ver
gnügen gewahrte und gewährte Isidor
die mütterliche List und begann seinen
Rundgang. Da waren fast lauter be
kannte, wohlvertraute Köpfe und Gesich
ter, Greise, die Männer gewesen waren
zu seiner Knabenzeit, junge Männer, die
mit ihm unter den Büschen de Dorfe
gespielt hatten und mit ihm nach der
Schule, und wenn sie glücklich vorüber
war, nach Wald und Wiese gewandert
waren. Auch manches inzwischen er
blühte Mädchengesicht war ihm bekannt,
und als die Reihe an die mittlerweile
herangekommenen Kranzjungfern kam,
erinnerte er sich gar wohl an das freund
liche Rundgesicht der Krämers - Babett,
die ibm manche Tüte mit Leckereien zu
gesteckt hatte, und an die schmalen bei
den BäckerStöchter, die einander glichen
schier wie ein paar Tropfen Wasser, und
ihm immer besonders freundlich gewe
sen —es war seine Jugend, die ganze
frobe Geschichte seines Dorflebens, die
an ihm wie in Bildern vorüberzog.
Als die Letzte knieete Franzi in An
dacht versunken, mit gefalteten Händen
—sie erkühnte sich nicht zu dem Jugend
gespielen empor zu blicken ... diesem
selber war die Erscheinung fremd es
mochte wohl irgend eine entfernte Ver
wandte sein, die von der Mutter einge
laden worden, die Zahl voll machen.
Als er aber die Hände erhob und mit
leichter Berührung auf den Kranz aus
ihrem Haupte legte, da bebte sie inner
lich zusammen, nd wie die wohlbekannte
Stimme den Scgenspruch begann, da
war es ihr unmöglich an sich zu halten
eine unwiderstehliche Gewalt zwang
sie, die Augen aufzuschlagen .. . Der
Priester stockte unmerklich, kaum eine
Athemzuges Dauer, während dessen die
Blicke Beider wie verwundert, fragend
und grüßend in einander haften bleiben.
Rascher, mit lauter Stimme sprach
Isidor den Segenswunsch zu Ende und
eben zur rechten Zeit regten sich die Glo
cken im Kirchthum zu vielstimmigem, fei
erlichem Geläut und mahnten aufzubre
chen zur Feier des Tage. Es war keine
Zeit mehr, ein Gespräch zu beginnen und
etwa den Vater nach dem Name der
Kranzjungfer zu fragen.. . Das konnt
doch unmöglich die Franzi sein, da blasse
schmächtige Kind—und dennoch, warum
hatte es ihn ans diesen wunderbaren
Augen angemuthet, wie noch nie? Der
dröhnende Glockenton, der Ernst der
Stunde scheuchten da irdische Bild von
seiner erhobenen Seele hinweg nd festen
Schritte schloß er sich dem Zug an, der
sich fröhlich und bunt um ihn bildete.
Voraus bliesen und trompeteten die
Musikanten einen lustigen Marsch, wie
bei einer Hochzeit. Damals war e so
Sitte und man fand nicht Anstößige
daran, daß der Priester beim Eintritt in
seinen neuen Stand noch einmal unter
Sang und Klang von den Freuden des
Lebens Abschied nehme, und da Bild
einer Hochzeit war es auch, wa bet der
ganzen Feierlichkeit festgehalten wurde.
Der Priester wurde ja auch auf ewig
mit der Kirche verbunden. Ein kleine
Mädchen von sieben bis acht Jahren
durfte daher als deren Vertreterin, als
sogenannte „geistlich? Braus" nicht feh
len, und am Arme des Geistlichen prangte
wie an dem eines Hochzetter da grüne
Kränzleln. Die Verwandten schloffen
sich an, die Kranzeljungfern dabei, alle
die Citrone in der Hand, mit einem
Rosmarin - Zwelglein besteckt, und dem
Primiztanten gab ein älterer Geistlicher
das Geleite, welcher der Pathc hieß und
ihm in allen Verrichtungen helfend und
rathend zur Seite stand. Jsidor's Palhe
war der Pfarrer des Dorfs, ein großer
Mann von soldatischer Haltung, mit ei
nem ernsthaften, nicht eben geistreichen
Gesichte; er war kein Freund davon, sich
bei solchen öffentlichen Anlässen zu zei
gen, abe' da es ein Pfarrkind war, da
sein Fest feierte, hatte er die bescheidene
Bitte desselben nicht abzuschlagen ver
möcht.
So ging der Zug der Kirche zu; Alle
drängte nach den geschmückten Stühlen,
während der Primiziant in der Sacristet
mit den gottesdienstlichen Gewändern
geschmückt wurde und dann, zum Altare
geleitet, sein erstes Hochamt feierte. —
Während desselben hielt der Pfarrer die
Ehrenpredigt, worin er dem Pathen die
Pflichten de neuen Stande auseinan
dersetzte, seinen Entschluß glücklich pries
und besonders hervorhob, daß er um
dessen willen die Güter der Erde zurück
gewiesen und sich entschlossen habe, ewige
Schätze zn sammeln, Reichthümer, die der
Rost nicht zernagt, einen Besitz, der den
Motten widersteht und den Würmern.
Isidor saß während der Predigt zu
hörend auf dem sammetbezogenen Sei
tenstuhlc, aber trotz aller Andacht, trotz
alle Aufwandes von Kraft begann die
Erregung seines Gemüths nachzulassen,
die Spannung seiner Nerven zu ermat
ten ; wider Willen streiften andere Ge
danken ihm flüchtig durch den Sinn und
er mußte sich einigemale sammeln und
zwingen, um dem Prediger zu folgen.
Es kam ihm vor, als wären es mitunter
leere Worte, die dieser sprach, als wäre
er nicht derjenige, dem sie vor Allen gal
ten. Die Gedanken, obwohl unwillig
abgewehrt und verscheucht, kamen drin
gender wieder und ließen wunderbare
Bilder vor seinem inneren Auge ent
stehen. Es war, als ob die weihrauch
durchdusteten Hallen der Kirche sich wei
teten und öffneten er sah weite grü
nende Wiesen und rauschenden Wald
vor sich und sah sich selber darin als
sorglosen, fröhlich spielenden Knaben...
er sah da Bild der Bauernfamilic mit
dem Kinde vor seinen Augen, aber nicht
er war es, der den Segen darüber spre
chen sollte, und auch das Gesicht der
Mutter veränderte sich wunderbar...
das war nicht die behäbige Bäuerin, das
waren die Züge, die Augen der Kranz
jungfer, die gegenüber im Ehorstuhl knie
te und ihr Antlitz so tief über ihr Gebet
buch niederbeugte, daß nichts zu sehen
war, als auf dem reichen Haare das
Krönlein...
Mit dem Schlüsse der Predigt erbrauste
die Orgel... ihre Töne strömten wie
überirdische Fluthen um seine Seele und
reinigten sie und hoben ihn empor, daß
er mit entrüsteter Stärke die letzte schnö
de Versuchung der Erde von sich wies...
In dankbarer Andacht vollendete er
das Opfer und als er zum Schlüsse die
feierliche Choral - Weise des Ito, missu
ost so recht mit voller Stimme zu singen
begann, da mochte Jeder es hören und
aus diesen Tönen, wie aus einem Sie
geslirde vernehmen, daß er die alte
Schlange bezwungen und ihr den Fuß
auf das Haupt gesetzt.
In gleicher Ordnung ging der Zug
au der Kirche, diesmal dem Gasthause
zu und ohne die Geistlichen, welche ge
ondert nachkamen. In einem großen
Saale stand die Tafel zum reichlichen
Mahle bereit, da für so unentbehrlich
galt, wie ein KirchweihschmauS, bet wel
chem alle Verwandten und Bekannten
zu erscheinen wetteiferten. Zwischen den
einzelnen Speisen bliesen die Musikanten
lustige Stücklein und machen schmettern
den Tusch, wenn der Pfarrer die Gesund
heit nd da lange Leben de Herrn
Primiztanten und dieser Hinwider da
Wohlbefinden und Gedeihen de Herrn
Pfarrers ausbrachte; wenn man nach
der Reihe das glückliche Elternpaar, die
geistliche Braut und dt Kranzeljungfern
oder auch wohl die gesammte Freund
schaft nd alle werthen Gäste hoch leben
ließ und abermals hoch!
Das Mahl ward immer belebter, denn
der alt MooSrainer wollte seinen Reich
thum sehen lassen und zeigen,-daß eS
seinem Sohne nicht um die FreudeSga
den der Gäste zu thun war; mit dem
Weine ward nicht gekargt und da un
gewöhn! Getränk begann in den Köpfen
der Bauern zu rumoren, daß da Lachen
und Geplauder immer lauter in die
Runde ging. Besonder lebhaft war es
am Ende der Tafel; dort saß Vigili, der
Schmied, ärgerlich darüber, daß die
Rangordnung ihn so wett von Franzi
getrennt hielt, und die Nachbarn hatten
Mühe zu verhindern, daß seine unwir
schen Ausdrück nicht gar zu vernehmlich
wurden, denn er war weder wählich noch
zierlich in deren Wahl.
E war eine willkommene Unterbrech
ung als die Wirthin mit der Ehren
torte erschien nd sie mit besonderem
LancaSter, V., Donnerstag, November IS, IBVV.
Glückswunsch vor Isidor hinsetzte, denn
die Torte mußte immer ein Meisterstück
der Kuchenbäckerei sein und gab zugleich
das vielfach ersehnte Zeichen zum Beginn
de Tanzes. Auf der Zuckerflasche der
Torte stand, aus Tragant und Zeug
läppchen zierlich geformt, ein klein-S
Männchen in schwarzem Talar und mit
dem Chorrock darüber, ein plastisches
Ebenbild de Gefeierten. Der Tanz
war damals auch bei solchen Festen nicht
verpönt, vielmehr mußte der neue Prie
ster selbst den Reigen eröffnen: man war
der Meinung, daß nur der im Leben
recht rathen und helfen könne, der dem
Leben selbst in die Augen gesehen, und
verlangte, daß der junge Priester bei sei
ner Primiz „das erste und letzte Tänz
lein" machen solle.
Schon beim ersten Geigenstreich hatte
Vigili sich aufgemacht, um zu Franzi zu
kommen und den versprochenen Ersten
zu erhaschen... so sehr er aber eilte,
er kam doch zu spät.
Der Pfarrer hatte sich bereits erhoben,
die vorletzte seiner Pathenpflichten zu
üben, welche darin bestand, seinen Schütz
ling die Partnerin zum „letzten Tänz
lein" zuzuführen; die letzte war dann,
dem Primizianten, der unmittelbar dar
nach Mahl und Fest verlassen mußte, in
seine Wohnung das Geleite zu geben.
Er war eben in ein Stück der Festtorte
so vertieft gewesen, daß er darüber bei
nahe seine Verpflichtung vergessen hätte
und durch den HochzeitSlader gemahnt
werden mußte, wie das junge tanzlustige
Volk mit Sehnsucht darauf warte, sich
dem Tanzen in die Arme werfen zu kön
nen. In Eile erhob er sich und um den
Fehler gut zu machen, sann er nicht lan
ge nach über eine etwa unter den Rei
chern und Vornehmern zu treffende
Wahl, sondern faßte die Hand der zu
nächst Sitzenden.
Es war Franzi.
Als er mit ihr vor Isidor trat, war
eben Vigili herangekommen und sah mit
zornfunkelnden Blicken, was er doch nicht
zu wehren vermochte; Franzi war zu
überrascht und verwirrt, ihn gewahr zu
werden.
Auch Isidor theilte sich bei ihrem An
blick die Verwirrung mit. Mit noch nie
empfundener Beklommenheit faßte er
ihre Hand, die Musik spielte einen leisen,
nur von Streichinstrumenten ausgeführ
ten Ländler nach einer bekannten melan
cholischen Volksweise, die wie ein Ab
schied klang, und das Paar begann sei
nen Neigen allein in dem weiten Saale,
an dessen Wänden Alle sich als Zuschauer
drängten, verschiedene Gefühle und Ge
danken in Kopf und Herz.
Ueber Isidor kam es wie ein plötzli
cher Trunk übermächtigen WeinS; als
er seine Tänzerin faßte, war es unver
weidlich, daß die Augen sich wieder be
gegneten und wieder eines Athems Dauer
sich in fragender Verwunderung in die
Herzen schauten; er schloß das Mäbchen
fester an sich und wiegte sich in ihrem
Arm so sicher und ruhig durch den Saal,
als wäre es nicht der Schluß seines bis
herigen Lebens, sondern als ginge der
Anfang eines neuen vor ihm auf.
Franzi hielt an, der Primiziant durfte
nur drei Mal den Saal umkreisen, dann
gehörte dieser der fröhlichen Welt die
auch von dem Rechte augenblicklich ju
belnden Gebrauch machte und den Platz
mit bunt durcheinander wirbelnden Paa
ren bedeckte.
Isidor führte seine Tänzerin zur leer
gewordenen Tafel an seinen Platz, füllte
zwei Gläser und band sich da Bräuti
gams Kränzleln vom Arm, um es wie
einen Rahmen um da eine Glas zu le
gen, das Kränzleia gebührte der Part
nerin des „letzten Tänzleins."
„Sie sollen leben, Hochwürden!" sagte
sie mit bebender Stimme, als er sein
Glas erhob, an das ihre anzuklingen.
Isidor ging ein Stich dAch da Herz
bei dem Worte.
„Ich danke Dir; e freut mich sehr,
daß Du zu meinem Ehrentag gekommen
bist."
„Wie hätt' ich ausbleiben können?
Das war mir ja die größte Freud' in
mein' ganzen Leben, daß Sie noch an
mich gedacht haben ..
„Glaubst Du, ich hätte Dich vergessen?
Niemals!" entgegnete Isidor rasch und
begriff zum ersten Male, wie wahr das
Wort war, das er gesprochen. „Ich
habe Dich nie vergessen," setzte er zö
gernd und wie berichtigend hinzu, „Dich
so wenig, wie Vater und Mutter und
da ganze Dorf... Aber ich habe Dich
erst nicht wieder erkannt!"
„Das ist wohl möglich, Sie find gar
lang' fortgewesen "...
„Es ist nicht das ... Du bist ganz
ander geworden ... so gr0ß..." und
so schön, wollte er hinzusetzen, aber der
Laut starb im Entstehen.
Unsägliche, noch nie gefühlte Beklom
menheit bemächtigte sich seiner; wie su
chend sah er unschlüssig um sich und be
merkte Vigili der in dem leergewordenen
Tafelzimmer unter der Thür stand, die
Beiden mit grimmigen Augen und einem
Lächeln betrachtend, da ihm wie Hohn
in die Seele ging.
Betreten ließ er die Hand d-s Mäd
chen fahren und ward jetzt erst gewahr,
daß er sie wieder erfaßt gehabt hatte.
„Der Bursche dvrt betrachtet uS mit
so sonderbaren Blicken," sagte er, „als
sei eö ihm nicht recht, daß ich mit Dir
sprecht ... Es ist wohl Dein Schatz?"
Das Wort wollte nicht von der wider
strehendeu Zunge.
Franzi erröthete. „Ich hab' keine
Schatz, Hochwürden," sagte sie dann und
sah ihn treuherzig an. „Das ist der
Schmiedsohn, der Vigili... er will mich
Heirathen, und ich hab' ihm den ersten
Tanz versprochen . . ."
„Und Du wirst ihn heiratbcn?"
„Was will ich machen, Hochwürden
Herr Isidor? Es ist eine gute Versor
gung, ich bin blutarm, und sein' Lebtag
dienen ist hart. .."
„Du hast Recht," rief Isidor hastig,
nimm ibn... heirathe ihn ud sei glück
lich! Warum solltest Du auch nicht?
Der Bursche ist mokl gar eifersüchtig
auf mich... er sollte doch wissen das
er bet mir keinen Grunv dazu hat . . .
Lebe wohl, Franzi! Lebe glücklich!—
Denke manchmal an die Zeit, wo wir
Kinder gewesen sind, nd an—den heu
tigen Tag!"
Er ging vom Pfarrer geleitet; Franzi
stand unbeweglich, bis Vigili zu ihr trat.
„So?" knurrte er grimmig mit ge
preßtem Ton. „Heiß das bei Dir Wort
halten?"
Franzi sah ihn ruhig und wir von
oben herab an.
„Ich hab' Dir den ersten Tanz ver
sprochen," sagte sie, „und bin dabei ge
blieben, denn der Tanz mit dem hoch
würdigen Herrn wird nit gerechnet, das
ist was ganz Anders... Aber so laß' ich
mich nit fragen, Vigili! Ein Mensch,
der mich anfährt, wo ich noch nit einmal
sein Schatz bin, der darf sich nit einbil
den, daß ich sein Weib werd' und wenn
ich eine Goldschmieden mit ihm bekäm ;
mit einem solchen tanz ich it einmal."
Sie ging und verschwand im Tanz
saal, aus dem Jubel und.Musik erscholl.
Vigili ballte die Fäuste und drohte ihr
nach.
Isidor war indessen im elterlichen
Hause angekommen. Niemand war noch
daheim. Alles befand sich noch beim Feste;
mutterseelenallein schritt er in der ihm
eingeräumten Prunkstube des obern
Stockwerks hin und wider.
Was war mit ihm vorgegangen!
Wohin war seine sichere Ruhe, seine Zu
versicht gekommen . . . welchen Eindruck
hat dies schlichte Mädchen aus ihn her
vorgebracht! Wie wenig hatte er sich
selbst gekannt, wenn er geglaubt, cS gebe
kein irdisches Band mehr, das ihn an
die Welt kette —jetzt, auf einmal war es
ihm klar, daß er sie immer im Sinn ge
tragen, daß er sich selbst absichtlich oder
leichtsinnig über dies Andenken getäuscht;
jetzt lag es vor ihm, hell, wie ein vom
Blitz entzündetes und in seinen Flam
men einsinkendes Gebäude, warum er
gerade sie so sehnlich beim Feste ge
wünscht hatte, und war ibm noch Etwas
undeutlich geblieben indem verworrenen
Gewebe seines Fühlens, wollte er es mit
irgend einem Vorwande noch bergen und
beschönigen, daß er die Jugendgespiele
unbewußt, aber so lange er zu denken
wußte, geliebt, so hatte die Empfindung
ihn enttäuschen müssen, die ihn durch
zuckte, als er ihren Freier bemerkte, als
er mit nie gefühltem Schmerz, mit nie
geahnter Wehmuth sich gestehen mußte,
daß sie für ihn verloren war; daß er
kein Recht hatte, dem Glücklichen zu
wehren, daß der bloße Gedanke an sie
eine Sünde war, ein Verbrechen an sei
nem Gelübde.
In heißströmendem Gebete sank er vor
dem Kreuzbild auf's Knie, in stürmischer
Selbstanklage flehte er um Kraft und
bat den Herr, die rettende Hand nach
ihm auszustrecken, wie einst nach dem
furchtsamen, im Meer versinkenden Jün
ger.
Es war Nacht geworden, als er noch
betete und wachte; da erschollen ernste
Klänge vor dem Hause: dem Primizian
ten wurde dem Brauche gemäß und zum
Schlüsse seine Festes noch ein Ständ
chen gebracht—eine tief klagende Grab
musik. Noch einmal sollte er gemahnt
werden an den Abschied vom Irdischen
und der Gedanke daran sollte ihn im
Entschlummern geleiten.
Im Pfarrhofstadcl dagegen lag Franzi
schon lange zu Bett und schlief. Sie
hörte dte Trauermusik nicht in ihre Träu
me hinüber; der Schein des Monde,
der durch eine Dachluke hell den Kam
merwinkel beleuchtete, erhellte ein sorg
los schlummerndes Kindcrgesicht.
An der Wand über dem Bette, mit
einem Bändchen zusammengeknüpft, hin
ge da Krönlein, das sie getragen, und
Isidor' Kranz.
(Fortsetzungfolgt.)
* James Stephens hat zehn hervorragende
Feniern in St. Louis, Mo., die Leitung der
OrdenS-Angelegenheiten in Missouri übertra
gen.
* Herr Summervikevon ChaeleStow, West-
Va., wurde am Samstag auf einem Dampfer in
Louisdille todt gefunden. In seiner Tasche be
fand sich ein Wechsel über P! 2,000.
Ms Europa.
Der Siegeöeinzng in Berlin,
des ersten Tage, de 20. September, Erwäh-
Waffen und Fahne und gekrönt von Victorien
mit Sicgeskranzen, schlössen diesen Theil der
Festdekoration ab. Daran schloß sich die Pracht
diesen Schilder erhob sich eine Trophäe von
Fahne, die mit dem preußischen Banner Ii! Fuß
hoch war. Außer diesen Trophäen standen zu
jeder Seite, auf steinartigen Postamenten von
zehn Fuß Höhe, gekrönt von Adler von vier Fuß
Fliigelwcitc, Denksteine, die in einfach vcrgrö
rcn.
Der Raum zwischen den Trophäen und Po
stamenten war durch Kandelaber von zehn Fuß
Höhe anSgesüllt, die auf breilseitige Füßen ruh
ten und goldene, am Abend als Leuchtpfannen
dienende Becke tragen. Alle diese gegenstände,
Trophäe, Säulen, Kandelaber, waren durch
fortlaufende FestonS miteinander verbunden.
Dazwischen standen die 20V eroberten östreichi
schen Kanonen, zu jeder Seile 101. Ueber je-
erhoben sich vier Obelisken, die durcheinander
mit Laubgewinden verbunden waren. Vom
Friedrichs - Denkmal bis zur Schlvßbrücke zog
sich eine einzige imposante Mastcnstraße hin; zu
beiden Seiten erhoben sich auch hier großartige
und ebenfalls in leuchtenden Farben dekorirte,
von reich verzierten Masten umgebene Tribüne.
An der Schlvßbrücke zeigten sich zu beiden Sei
ten reich bewimpelte und beflaggte Schifft, auf
deren Masten und Ragen eine Anzahl Matro
sen eine lebendige Dekoration bildeten, und
daran schloß sich der für das Ttdeum in einen
wahrhaft zauberhaften Festplatz ungeschaffene
Lustgarten. In der That wußte das Auge
kaum, wohin es zuerst zu blicken hatte. In der
Mitte erhob sich als den Staat rcpräsentirend
eine mächtige Borussia, den Siegerstab in der
Hand haltend, und ein neun Fuß hoher Adler
zu ihren Füßen. Rings um sie Heruni in wei
tem Kreise zogen sich die Standbilder der hohen
zollcrischen Fürsten, und or ihr befand sich ein
Altar auf einem vier Fuß hohe Podium, auf
welchem 101 Geistliche aller Eonfessionen auf
gestellt waren.
DaS Podium war von acht Postamenten um
stellt. Auf jedem derselben prangte je ein Frie
dens- und je ein SiegcSengel, umgeben von
Palmen und anderen Blattpflanzen. In der
Mitte erhob sich auf sieben Stufen der eigent
liche Altar. An seinen vier Enden prangten
riesige vergoldete Candrlaber, und eine breite
Freitreppe führte in ein reich dekorirte luftiges
KönigSzclt, von dessen eine Königskrone bilden
der Decke rothe Draperie'n herabfiele. Zu den
Seilen des Altar befanden sich riesige Tribü
nen für den Magistrat, die Stadlverordneten,
die Mitglieder des Landtag, dahinter eine, die
IM Sänger und SM Musiker, darunter allein
IM Trommeln, enthielt. Zwischen den einzel
nen Tribünen standen 70 Fuß hohe Masten die
auf großen Schildern die Namen: Mein, Saa
le, Elbe, Donau zur Versinnlichung des Kriegs
theaterS zeigten und mit preußischen Fahnen,
mit lohanniterfahnen und dem Wappen der
Genfer Convention geschmückt waren.
Was nun die noch nicht von uns erwähnte
Feier de zweiten Festtags betrifft, so war sie da
zu bestimmt der EulminationSpunkt des ganzen
Festes zu sein, allein da Wetter war ihr nicht
so günstig, als der de vorausgegangenen Tages.
Schon mit dem ersten Morgengrauen begann
da festliche Gewoge und um eilf Uhr zogen wie
der wie, am Tage vorher, 20,000 Combattan
ten, Infanterie, Eavallerie und Artillerie, in
die Stadt ein. Alle Truppen erschienen in der
kriegSfeldmäßigen Bekleidung, die sie im Feld
zug getragen hatten, und nachdem sie mit den
Veteranen, den Gewerken und anderen Körper
schaften im Lustgarten und bis zur Schlvßbrücke
aufgestellt waren, erschien gegen ein Uhr der
König nebst der königlichen Familie und dem
Hof im Königszelt, wo eine Reihe rother Sani
metscssel aufgestellt war. Der König, der die
Uniform des ersten GarderegimentS und da
Band de Schwarzen Adlerordens trug, ward
bei seinem Eintritt von lauten Hurrahrufen be
grüßt und verneigte sich drei Mal vor der Menge.
Zur rechten de Hofe arrn die Minister mit
Ausnahme des auf's Neu erkrankten Grafen
Vismark, zur Linken die Generalität, die Mili
lärbevoll mächiigitn und die Gesandten Ruß
land und Italien versammelt. Die Feier be
unser Gott," und daran schloß sich die gestpre
digt de Feldprobstes der Armee, Theile. Er
nahm zum Gegenstand seiner Predigt den 23.
Vers des l lv. Psalms: „DaS ist vom Herrn
geschehen und ist ein Wunder in unsern Augen."
„Herr Gott, Dich loben wir" schloß die Feier.
An dem Schlüsse jeden Verse fielen die Tam
boure ein und die dicht bei'm Lustgarten aufge
stellte Artillerie gab die Salutschüsse. Um vier
Uhr begann im Königsschlosse das Gala-Mili
tärtiner und als die noch nicht zu Ende war,
erstrahlte über Berlin eine Illumination, wie
sie diese Stadt noch nie zuvor in solcher Aus
dehnung und Pracht gesehen. Den schönsten
Eindruck machte das Schloß, in dessen 500 Fen
stern sich Kerzen befanden, und dessen Prunt
tet warritt Aber auch die sämmtlichen andeni
Häuser der Stadt erstrahlten im Lichtglang,
und jedes wetteiferte mit dem andern in mög
lichst großartiger Illumation. Hunderttausende
von Menschen durchwogten von sechs Uhr ab
als die letzte Lichter an den Hauptfestplätzen
erloschen, trennt sich auch die schaulustige Menge.
Der tapfere Ziegenbock.
Als gleich bei Beginn der Feindseligkeiten die
preußische Garde-Artillerie ihre Kaserne in
Berlin verließ und hinauszog mit ihren Feuer
ganz jung von einem die Kaserne mit Milch ver
sorgenden Händler gekauft, groß gefüttert und
un wollten sie dies Adoptiv-Kind der Brigade
ge dem ernsten Spiele um Tod und Leben ent
gegen. Und da Thier folgte gern und willig
von Ort zu Ort und von Schlacht zu Schlacht.
schön bei ihrem gehörnten Freunde an. Sobald
das erste preußische Trompetensignal ertönte,
setzte er sich in Trab und ruhte nicht eher, als bis
IoS.
Mancher brave Soldat erhielt den Todesschuß
und starb auf dem Felde der Ehre, den Ziegen
bock aber traf keine Kugel, vielleicht auch schonte
gleich ei GppSverband angelegt und sieht da
nach kurzer Zeit war da Thier wieder munter,
und gesund. Beim Durchmarsche durch einzel
ne Ortschasten hat der tapfere Bursche oft so
viele Kränze zu tragen gejadt, daß ihn fast die
Die HungerSnoth inJndien.
Kurz nd schrecklich ist —schreibt der London
Telegraph—das Telegramm au Indien be
treffs des Umsichgreifens der HungerSnoth an
den Westküste der Bucht von Bengalen. „Die
balbe Bevölkerung von Orissa ist den Hunger
tod gestorben" und eine andere unheilvolle Mel
dung fügt hinzu, daß die Cholera sich an den
furchbarc Mangel anschließt. Keine weitere
Einzelheiten ermögen die Trauer und den
Herren von Indien wurden von keinen solchen
Gewissensscrupein bennruhigt; sie würden auf
einen solchen Vorwurf der Verantwortlichkeit
die Antwort gegeben haben, die der König von
Israel dem Könige von Speien ertheilte: „Bin
ich Gott, der lebendig machen und der tödten
kann?" Wenn früher Indien von periodischen
HungerSnöthen befallen ward, so gaben sie aller
dings ihre Almosen mit fürstlicher Großmuth
und in den Zwischenzeiten der Fülle bedeckten
sie das Land mit prächtigen Bewässerungswer
ken, die viel zu wenig von uns Engländer
nachgeahmt worden sind. Allein ihr Almosen
wurden, wie die HinvuhS sagen, um ihre Na
mens willen gespendet und die Werke warben
eker zur Erhöhung ihrer Eiukünfte, aIS auS dem
Gefühl unternommen, weiches die moderne An
schanungSweise erzeugt ha, daß die Regierung
ein Gottesdienst ist und daß sie sich eine sträf
lichen Vergehens schuldig macht, wenn sie große
Unglücksfälle eintreten läßt, ohne Heilmittel
dafür darzubieten. Wir können wenigsten
zur Ehre der englischen Rae sage, daß jeder
einsichtsvolle Mann in diesem Lande tief Trau
er über das Mißlingen unserer Versucht, dem
schrecklichen Elend an der Küste von Koroman
del zu steuern, empfindet. Wofern wir aber
nicht ein ganz neues Verwaltungsspstem für da
colossal Land, das wir regieren, ersinnen der
wofern wir nicht mit kaiserlicher Freigebigkeit
die Werke ausführen, welche, nothwendig sind,
um da bewohnte Indien vor diesen sich stets
wiederholenden Geißeln zu bewahren, werden
wir uns noch oft auf solche erschütternde Nach
richten gefaßt machen dürfen. Da Unglück,
welches uns jetzt mit solchem Schrecken erfüll,
iß keine neue Art von Rqtastrophe. Der siebente
Theil des ganzen Menschengeschlechtes lebt un-
Nra. I.
ter unserer Herrschast in Asien ud bei einer s
ungedeuren Masse menschlicher Wesen müssen
gewaltige und srtwähreud echselnde Phäno
mene zu Tag treten. Die PeftauSbrüche, die
Pilgerfahrten, die Ernten, die HungerSnöthe,
alle in Indien, hat solche großartige Verhält
niffe. In Orissa ist ein Unglück auf da andere
gefolgt. Der Regen war zuerst sehr spärlich
und dann tödtete die Dürre das Getreide auf
den Feldern ; jetzt sind die Gewässer in einer
wahren Sündfluth niedergestürzt und die Saa
ten und Halme sind au dem Boden herauSge
schwemmt. Da Schlimmste ist sogar noch
nicht eingetreten, denn die Pest wird auf die
HungerSnoth folgen. Allein die irkungSi/ollste
unter den möglichen Ursachen de Mangel ist
vorüber, denn die Jahreszeit kann den so schwer
getroffnen Provinzen kein Leid mehr zufüge:
da Land ist für die Winterernte wohl durch
näßt und es ist nur da große Problem, da
sich mit so zwingender Gewalt geltend macht, zu
lösen, wie die Bevölkerung bis zum nächsten
Frühling ernährt werden kann.
Für die Folge aber wird die Regierung kein
Mittel versäumen dürfen, um der Wiederholung
solche Unglücks vorzubeugen. Fahrstraßen,
Eisendahnen und Wasserbehälter würden In
dien vor diesen periodischen Leiden eben so sicher
bewahren, wie Brod einen Mann davor schützt,
Hungers zu sterben. Wenn nur Verbindung
ege eröffnet und genug Wasser auf dem frucht
bare Bodrn de Lande angesammelt würde,
so würde der District, dessen Ernte schlecht aus
gefallen, von einem Dutzeud fruchtbarer Pra
vinzen genährt werden, denn eine allgemeine
HungerSnoth ist noch niemals in der ungeheuren
indischen Halbinsel, in der sich die mannig
faltigsten climatischen Abwechselungen vorfinden,
orgekommen.
Nachrichten von der Westküste Süd
Amerika', von Crntral-America,
vom Isthmus, Anstralitn und
Reu-Seeland.
Ankunft de Dampfer „Arizona"
New-Zjoek, 3. November.
Der Dampfer „Arizona", der am 23. Octo
er von ASpinwall abgegangen war traf gestern
hier ein. Die von ihm überbrachten Nachrich
ten aus Chili, Peru, Central-Amerika und Aus
tralien reichen bis zum 25. Oktober.
DerlsthmuS. Am Morgen de 19.
Oktober hat eine große Feuersbrunst in ASpin
wall stattgefunden; dieselbe brach in der Küche
de United State Hotel aus, ergriff bald das
ganze Gebäude, verbreitete sich dann über die
anstoßenden Häuser und erlosch nicht eher, als
bis sie alle Gebäude in der Fronte der Wherste
der New-Zlorker Dampfer bis zum Howard-
Hotel zerstört hatte. Da furchtbare Feuer wur
de endlich gelöscht. Der Verlust an Eigenthum
ist groß.
Central-Amerika. In allen cen
tral-amerikanischen Staaten herrsch Ruhe und
ihr Gedeihen macht eine erfreulichen Fortschritt.
Der. 15. September, der Jahrestag der Unab
hängigkeit von Guatemala, ist mit großem En
thusiasmus gefeiert worden. Die Regierung
von Honduras hat ein Decret erlassen, worin sie
erklärt, daß die Republik in ihrer Neutralität
erharren werde, falls der Krieg zwischen Spa
nien und Peru und Chili fortdauern sollte.
E ist die eine wichtige Ankündigung und sie
hat den Zweck, die Alliirten gegen Spanien da
durch zu begünstigen, daß die Häfen von Omoa
und Trujillo am atlantischen Meere für Frei
beuterzwecke offen gehalten werden. (Die neue
sten Nachrichten au Europa bereiten auf den
baldigen Friedensschluß zwischen Spanien und
den südamerikanischen Häfen vor).
E hat schon wieder ein ReoolutionSversuch
in Peru stattgefunden. Am 11. Oktober ward
Oberst Balta nebst mehreren anderen Offizieren
ergriffen und in Gefängniß abgeführt,
eil er Waffen und Muniton, die für eine Er
hebung bestimmt gewesen waren, trborgen ge
halten und unter den Truppen einen Geist der
Unzufriedenheit, die in einem Aufstand hatte
culminiren sollen, zu erwecken gesucht hatte.
A Sstralten. E waren Kameele in
Süd-AuSstralien für den Transport von Wolle
au dem fernen Norden eingeführt wdeden.
Die Maßregel hat sich als eine durchaus zweck
mäßige erwiesen.
N eu-S eel a nd. Es war eine Mini
stercrisis eingetreten und ein neues Cabinet ge
bildet worden. Stafford ist der neue Premier
minister.
Di Franzosen haben wieber etwas
Neue erfunden—eine Speise nämlich, die un
seren Feinschmeckern hohen Genuß verheißt.
Die Entdeckung wurde bei Gelegenheit eines
HeuschreckenbesucheS in Algier gemacht. Wir
geben hiermit allen Kochkünstlern, die davon
Gebrauch machen wollen, da Recept: Man er
greift die Heuschrecken behutsam mit dem Dau
men und Zeigefinger der linke Hand, schneidet
sie mit einem Federmesser entzwei und gießt
Rum in den Leib. Man läßt sie also zwei Ta
ge in Rum mariniren, macht dann einen Paste
enteig, füllt ihn mit diesen Heuschrecken und
backt ihn. Endlich wird die Speise fertig, wenn
man sie mit Burgunderwein übergieß. Da
Essen soll köstlich sein, läßt den berühmten Mai
käfersalat weit hinter sich und führt den meiodi
schen Name CriquetS ala Benoiton." Wa
un angelangt, so tragen wir nach diesen In
sectenpasteten kein Verlangen.
Die Leiche de seit länererg Zeit ermißten
Lieut. Rhode wurde neulich etwa 6 Meilen
Santa Fee. Meric, gefunden. Derselbe ist
durch einen Schuß in den Unterleib getödte
worden.
Letzlhiu attackirie in Neger in Hudson, N.
Zjork, 3 weiße Männer mit einem Rasirmesser,
u. erseht einem derselden eine schwere Verleg
ung. Der Neger wurde verhastet, entkam jedoch
später wieder.
Gestern Nacht wurde das Haus, No. 210
Baltimorestraße in Baltimore ein Raub der
Flammen. Lei dem Einstürze eine Giebel
wurden 3 Feuerleute schwer beschädigt.
In Fall River, Mas;., sollen im nächsten
Frühjahr zwei neu Baumwollenspinnereien, die
eine mit 10,000, die andere mit 100,000 Spin
deln eingerichtet werden. Da nöthige Capital
ist bereil von Unternehmern gezeichnet or
den.